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Es wird frostig in den heiligen Hallen der Modeunterwelt unserer Königin. Der Winter zieht ein und alles verwandelt sich in eine Landschaft aus Kunstschnee und Plastiktannenbäumen. Unsere Göttin Persephone, unsere Heidi, weiß, wie das Ende der Welt aussehen könnte. Man denke an das Gedicht von Robert Frost:

So mancher sagt, die Welt vergeht in Feuer, so mancher sagt, in Eis. Nach dem, was ich von Lust gekostet, halt ich´s mit denen, die das Feuer vorziehn. Doch müsst sie zweimal untergehn, kenn ich den Hass wohl gut genug, zu wissen, dass für die Zerstörung Eis auch bestens ist und sicher reicht.

Zwar hat Heidi dieses Gedicht wahrscheinlich nie gelesen, aber es passt sehr gut in diese Woche. Denn wo Feuer diese Woche fehlt, so ist Eis ausreichend vorhanden und sorgt für die Zerstörung unserer jungen Heldinnen auch bestens. Und es reicht wieder einmal, um den Glauben an die Menschheit zu verlieren.

Es ist bereits ein Monat vergangen, seitdem ich das letzte Mal über unsere jungen Heldinnen aus Deutschland geschrieben habe. Sie haben sich sehr verändert. Viele haben ein komplettes Make-Over bekommen bei dem Tränen geflossen sind, denn Haare schneiden tut ja bekanntlich sehr weh.

Die noch zuvor, als einzigartig beschriebenen Damen, schön so wie sie sind, waren dann doch nicht so einzigartig und schön so wie sie waren und mussten folglich umgestaltet werden. So Mancher wurden die Haare gefärbt, anderen ist gar das grausame Schicksal zu teil geworden, dass sie abgeschnitten wurden. Aber so ist das in der Welt junger Helden. Der Weg zum Ruhm ist erfüllt mit Schmerz und Leid.

Aber es haben alle überlebt und so musste Heidi weiter mit dem üblichen Schema aussortieren und sie hat weiter fleißig Schicksalsfäden durchgeschnitten. Es sind noch immer um die zwanzig Mädchen, die meisten nicht der Rede wert.

Und so beginnt eine neue Woche, dieses Mal in Eis und Frost und diese Woche ist es nicht nur die Göttin der Unterwelt, die den Mädchen Probleme bereitet, aber dazu später mehr.

Zuerst müssen sie vor Heidi wieder einmal beweisen, dass sie aufrecht auf zwei Beinen laufen können. Es ist wieder mal ein Balanceakt und dieses Mal müssen sie im Kunstschneegestöber auf einem angeblich glatten Untergrund in langen weißen Kleidern sich wie Eisprinzessinnen präsentieren. Hört sich nicht so schwer an, ist es aber!

Die erste Heldin, die sich Heidi und ihrem Co-Juroren stellen muss, (es ist schon wieder ein weltberühmter Photograph, dessen Name mir, sobald ich ihn gehört habe, entfallen ist, aber wenn Heidi sagt, er ist weltberühmt, dann glauben wir ihr das natürlich) ist ein Mädchen, dass es seit letzter Woche nicht sehr leicht hat. Sie wurde mit dem göttlichen Fluch eines Umstylings belegt, ähnlich wie die schöne Medusa einst in ein Ungeheuer mit Schlangenhaaren von Athene verwandelt wurde. Unsere junge Heldin war einst ein weißes, deutsches braunhaariges Mädchen, was für das Thema dieser Staffel, ich erinnere Sie, es ist Diversity, natürlich gar nicht geht. Sogleich beim Umstyling erhielt sie knallrote, feuerrote Haare. Es war die Wiederkehr des Pumuckl, aber Meister Eder war nirgends zu sehen. Den lieben alten Mann hat man wohl den Zutritt in die Unterwelt verwehrt.

Jedenfalls werden ihre knallroten, eigentlich orange leuchtenden Haare hochgestellt, beziehungsweise, eine Art Antenne wird an ihrem Kopf befestigt und daran werden die Haare gestylt. Ich weiß, es hört sich sehr eigenartig an, aber so hat es sich wirklich zugetragen. Sogleich wird sie in ein schneeweißes Prinzessinenkleid gesteckt und muss den Balanceakt von Eleganz und Unschuld meistern, aber darf keinesfalls langweilig wirken. Noch dazu hat das Kleid eine lange Schleppe, die gebändigt werden muss, die High Heels kommen auch noch dazu und links und rechts wird unser Pumuckl mit Kunstschnee angeblasen. Wenn Meister Eder doch zur Stelle wäre und unseren Pumuckl retten könnte, aber lasst alle Hoffnung fahren, die ihr hier eintretet, denn in Heidi’s Modeunterwelt gibt es keine Gnade.

In dem weißen Kleid und den feuerroten hochgesteckten Haaren sieht das Mädchen aus wie ein Schneehuhn, dass über den glitzernden Laufsteg marschiert. Aber sie macht es gut, trotz Pumuckl-Fluch und Schneegestöber. Sie meistert Eleganz und Unschuld in einem und lässt es auch aufregend und sexy wirken. Heidi ist begeistert, der weltberühmte Photograph vermutlich leicht erregt, er wirkt jedenfalls nicht schwul. Unser Schneehuhn meistert ihren Fluch auf ein Neues. Meister Eder muss sie nicht retten kommen, nein, sie rettet sich selbst. Denn sie ist eine unabhängige junge Frau und lässt sich von einer alten weißen Frau und einem alten weißen Mann begaffen und in die nächste Runde schicken.

Die nächste Kandidatin hat nicht so viel Glück. Sie trägt ein besonders enges Kleid mit einer besonders langen Schleppe. Ihr Balanceakt von Eleganz und Unschuld gelinkt ihr nicht. Sie wedelt hilflos mit den Armen, um nicht hinzufallen, während sie mit kurzen Schritten versucht irgendwie den Laufsteg zu meistern. Die Königin der Unterwelt ist angewidert, hält das Mädchen auf, um sie sofort zu kritisieren: ‚Das geht gar nicht! Du musst schlängeln! Mit den Beinen! Das sieht so nicht schön aus!‘

Was immer auch Heidi mit ‚Beine schlängeln‘ meint, das Mädchen begreift es nicht und wir, die Zuschauer verstehen es auch nicht. Denn eigentlich können sich nur Schlangen schlängeln aber nicht unbedingt Beine. Vielleicht ist es auch eine griechische, mystische Prophezeiung, die der jungen Heldin auferlegt wird. Schlängle deine Beine in einem engen Kleid, nur so kommst du weiter! Was immer es auch bedeuten soll, das Mädchen bricht an der Aufgabe und beginnt zu weinen. Heidi lässt dies natürlich kalt.

Wie schon zuvor erwähnt, ist die Eis-Hölle diese Woche nicht das einzige Problem. Denn je länger die jungen Heldinnen zusammen sind, desto weniger mögen sie einander und desto frostiger wird die Stimmung. So ist zum Beispiel Linda (weiß, deutsch, braune Haare) eifersüchtig auf Soulin (der Flüchtling aus Syrien), da sie sehr viel hübscher als die anderen ist und ihnen gutgemeinte Tipps gibt, wie die schwächeren Mädchen die Aufgaben besser bewältigen könnten. Soulin fühlt sich dazu berechtigt, da sie bisher am besten gekämpft hat und auch eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein hat. Linda gefällt dies natürlich gar nicht, hier könnte man ihr vielleicht zustimmen, denn niemand will die ganze Zeit hören, wie man etwas besser machen könnte, wenn man eh schon unter Druck steht. Linda äußert ihre Wut sofort mit dem Satz: ‚Mit ihrer Art wird sie irgendwann Mal ordentlich auf die Fresse fliegen!‘

Und stürmt sogleich davon um sich als Eisprinzessin dem Schneegestöber zu stellen. Und wieder einmal schlägt die Magie der griechischen Tragödie zu. Die Moiren haben wohl gerade gelauscht. Denn sobald Linda, die ihre Konkurrentin noch eben verwunschen hat, betritt den glitzernden Laufsteg, so kippt sie gleich zur Seite und fällt hart auf den Boden! Nicht Soulin, sondern Linda fliegt auf die Fresse. Für einen kurzen Moment hat Heidi mit der jungen Heldin Mitleid, doch der ist auch schnell wieder vorbei, denn sie hat noch gefühlte fünfzig anderen Mädchen zu begutachten. Im Umkleideraum beginnt Linda sofort zu weinen. Das Leben als Model ist gemein, besonders wenn einem die Schicksalsgöttinnen nicht gut gestimmt sind.

Nach zwei Stunden sind alle gelaufen, alle haben überlebt bis auf einige Schrammen und am nächsten Tag folgt die nächste Aufgabe. Ein Casting für Lewis, ein Denim Modelabel steht an, zu dem nur vier auserwähle Mädchen geladen werden. Es ist Soulin (der Flüchtling), der Pumuckl, ein Mädchen mit sehr dunkler Haut und ein weißes Mädchen mit blonden Haaren. Nicht Diversity genug denken sich jetzt sicher viele bei weiß und blond, aber liebe Zuschauer, es ist eines der Plus-Size Models, das ist Vielfalt und gerade nicht zu viel Übergewicht für die Modewelt. Es ist also eine perfekte Diversity Kandidatin.

Das Casting geht gleich los! Das Thema, wie passend, ist Diversity. Jedes der Mädchen muss in eine Kamera sprechen und darüber reden, wie einzigartig und gleichzeitig wie vielfältig sie doch ist. Es ist wieder ein Balanceakt, und habe ich das eigentlich schon mal gesagt, es ist nicht leicht Model sein zu wollen.

Das dunkelhäutige Mädchen überzeugt nicht, sie ist den Juroren angeblich zu langweilig. Der Pumuckl macht sich besser, allerdings wirkt sie auch nicht sehr spannend und das blonde Plus-Size Model wirkt sehr einstudiert, somit geht der Job an Soulin. Sie legte auch eine sehr emotionale, aufbrausende Rede hin. Nachdem sie den Krieg entflohen, nach Deutschland geflüchtet und sich hier ein neues Leben aufbauen musste, sagt sie, dass man im Leben alles schaffen kann! Schöne Message, aber wir, die Zuschauer waren nicht mehr sehr begeistert. Denn seit der ersten Folge haben wir diese Rede mindestens zwei Mal pro Folge zu hören bekommen. Die Luft ist raus. Die Lewis Juroren hören die traumatische Geschichte allerdings das erste Mal und sind begeistert!

Zu Hause in der Modelbaracke sind die anderen Kandidatinnen von Soulin’s Flüchtlingsrede genauso wenig begeistert wie die Zuschauer. Doch anders als die Zuschauer nehmen sie es sehr persönlich, denn es geht hier schließlich um das Überleben als Model. Besonders Linda und Chanel, zwei weiße, braunhaarige Mädchen werfen Soulin vor, den Job nur bekommen zu haben, weil sie ihre Flüchtlingsgeschichte ausgepackt hat, da muss man ja Mitleid haben, meinen sie.

Doch Soulin will davon nichts hören. Sie ist schließlich Bomben ausgewichen, hat diese überlebt, was können da so ein paar weiße, deutsche Mädchen ihr schon anhaben. Außerdem war sie die letzten Wochen schließlich die beste. Sie weiß sich gut zu präsentieren und kann einfach modeln. Eine Gabe, die vielen anderen Mädchen nicht zuteilgeworden ist.

Doch Chanel und Linda hacken weiter auf ihr herum. Sie finden es unfair, dass Soulin angeblich auf Grund ihrer Flüchtlingsgeschichte bevorzugt wird. Sie wollen einfach nicht glauben, dass das ausländische Mädchen, das Mädchen, das nicht in Deutschland geboren ist, besser sein könnte als sie. Es war ein schlechter Tag für weiße, braunhaarige Mädchen. Aber vielleicht ein guter Tag für die AFD, denn die haben jetzt vielleicht zwei Wählerinnen mehr.

Nach so viel Aufregung und Realitätserschütterung brauchen die deutschen, weißen Mädchen gleich eine Packung Zigaretten, die den Stress kompensieren könnten. Doch es wird nur noch schlimmer, denn es gibt keine Zigaretten mehr. Sie wurden alle geraucht. Beim Photoshooting bettelt Linda ihre Königin um Gnade an. Sie bittet darum, dass man sie doch Zigaretten kaufen gehen lasse, sie bittet darum, einmal die Modelbaracke verlassen zu dürfen. Doch Kerkermeisterin Heidi Klum lässt dies nicht zu. Denn Heidi Klum zeigt keine Gnade.

Somit geht eine sehr kalte, zigarettenfreie Woche zu Ende. Irgendein Mädchen hat dann auch zum Schluss kein Foto bekommen. Aber ich habe mir ihren Namen nicht gemerkt, Heidi wahrscheinlich auch nicht. Und so wird es nächste Woche weiter gehen, wenn nun sehr gestresste Mädchen unter Nikotin-Entzug um Heidis Gnade kämpfen. Denn trotz Schicksalsschlägen von Flüchtlingsgeschichten zu Pumucklfrisuren zu ‚auf die Fresse fallen‘ bis hin zu Zigarettenmangel, irgendwann muss irgendeines dieser Mädchen Germany’s Next Topmodel werden, und dies ist der größte Schicksalsschlag Deutschlands.

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