Venedig ist eine Stadt wie keine andere. Ich war mir nicht sicher, ob das der erste Satz für das erste Kapitel über Venedig sein sollte, da ich diesen Satz in vielen Büchern und Artikeln über Venedig gelesen habe. Aber es ist nun mal der treffendste Satz, um diese Stadt zu beschreiben.
Venedig scheint außerdem in der Zeit stehen geblieben zu sein. Sie ist mehr Vergangenheit als Gegenwart geworden. Sie ist mehr als nur eine Stadt. Ganz besonders, wenn man durch kleine Gassen spaziert, weit abseits der üblichen Touristenpfade, und ans Ende einer Gasse kommt. Oft passiert es, dass eine Gasse einfach zu Ende ist und ein stiller Kanal beginnt. Als ob die Venezianer hier vor Hunderten von Jahren einfach vergessen hätten, die Gasse weiter zu bauen.
Doch das ist das Geheimnis dieser Stadt, das jeder Besucherin und jeden Besucher doch so offensichtlich begegnet, wenn man das Ende einer solchen Gasse erreicht. Venedig existiert zwischen zwei Welten: dem Land und dem Wasser.
Die Gasse endet hier nicht einfach, sondern geht in den Kanal über. Und der Kanal ist eine weitere Gasse, auf der sich Venezianer und Touristen in Booten und Gondeln fortbewegen. Die Kanäle wiederum führen ins Meer und das Meer definiert Venedig so, wie eine Fischflosse die Gestalt einer Meerjungfrau definiert. Denn Venedig ist eine Meerjungfrau.
Meerjungfrauen sind wunderschön und gefährlich. Sie sind verführerisch und heimtückisch. Ihr Gesang verzaubert und gehört einer anderen Welt an. Wenn man nicht aufpasst, findet man sich am Grund des Meeres wieder.
Heute ist Venedig keine Meerjungfrau mehr. Oder eine Meerjungfrau wie Arielle, die ihre Stimme verloren hat. Aber vor Hunderten von Jahren war Venedig eine Meerjungfrau. Venedig war eine Großmacht. Sie war der Handelspunkt und Knotenpunkt des Mittelmeeres. Und wie jedes Imperium war auch Venedig sehr gefährlich.
Gleichzeitig war Venedig wunderschön. Denn da Venedig eine Großmacht war, floss unendlicher Reichtum in die Stadt. Auf Schiffen und Booten vom Meer, die aus weit entfernten Orten die Stadt ansteuerten, fuhren sie durch die Kanäle und brachten den Reichtum in die Häuser, Paläste und Kirchen.
Und Reichtum bedeutet Wohlstand. Händler, Bürger und Adel verschmolzen hier. Sie waren alle reich. Sie trugen prächtige Gewänder. Denn Seide und feine Stoffe kamen aus dem Osten, über Handelsrouten aus Indien und China über das Meer in die Kanäle der Stadt. Venedig war nicht nur Land und Wasser, sondern auch Westen und Osten. Sie existierte dazwischen. Sie war das Zentrum des Handels.
Und der Gesang der Meerjungfrau, die Melodie von Handel, Reichtum und Wohlstande lockte alle ganz Großen nach Venedig. Tizian, Bellini und Tintoretto erschufen zeitlose Kunstwerke. Monteverdi begründete die Oper. Marco Polo brach von Venedig aus in die Welt auf und Casanova liebte wie kein anderer. In Venedig schien fast alles möglich zu sein. Auch die Tatsache, dass im Jahr 1678 Elena Lucrezia Cornaro Piscopia als erste Frau der Welt den Doktortitel erhielt.
So wie die Jahre vergingen, verschmolzen Osten und Westen. Man erbaute Häuser, Theater, Paläste und Kirchen in der Hochblüte der italienischen Renaissance. Land und Meer, Osten und Westen, Kirche und Leidenschaft bestanden hier nebeneinander. Weil hier alle so reich waren, konnte sich jeder sowohl Glaube als auch Leidenschaft leisten.
Auf der kleinen Fläche, auf der Venedig auf Pfählen im Wasser erbaut ist, gibt es wohl kaum eine so hohe Dichte an Kirchen. Romanische, gotische, byzantinische, Renaissance, barocke und sehr kleine unscheinbare Kirchen, die beinahe unsichtbar erscheinen. Sie sind so alt, dass sie nicht wie Kirchen wirken, sondern wie Hallen der Vergangenheit. In manchen findet man sogar Meerjungfrauen, die in den Marmor gemeißelt sind. Wäre da nicht ein großes Holzkreuz über dem Altar dieser uralten Räume, könnte man meinen, dass bei der Gründung Venedigs Meerjungfrauen angebetet wurden und nicht ein Gott im Himmel.
Neben all diesen Kirchen und heiligen Häusern regierte dennoch die Leidenschaft in Venedig. Es finden sich weitaus mehr prächtige Paläste mit Prunksälen, in denen gefeiert und gegessen wurde, Theater und Opernhäuser in denen getanzt und gesungen wurde. Denn in Venedig war die Liebe zu Hause.
Männer und Frauen hatten Affären oder führten Doppelleben, weil es die Gesellschaft nicht anders zuließ. Männer liebten Frauen über Gesellschaftsschichten hinweg und umgekehrt. Und Männer liebten Männer und Frauen liebten Frauen.
Sie lebten ihre Leidenschaften im Schatten der Gassen von Venedig aus. Wenn die Häuser und Wände sprechen könnten, was würden sie uns erzählen? Sich küssende Liebende, die sich Versprechen zuflüsterten, die sie niemals halten konnten. Rufe der Lust, Schreie der Eifersucht, Tränen des Glücks und die leisen Schläge gebrochener Herzen, welche die stillen Kanäle Venedigs ins Meer fortspülten.
Denn so wie die Kunstwerke der Kirche schön sind, so unverzeihbar ist sie auch. Die Kirche brachte zu jener Zeit unzählige Soldaten hervor: Soldaten der Kreuzzüge, die aus Venedig aufbrachen und im Osten den Tod von Millionen Menschen forderten. Denn die Handelsstraßen im Osten sollten dem Westen dienen und der Westen forderte jeden Tag Blut. Damals so wie heute.
Und dann gab es die Soldaten der Liebe. Sie entschieden, wer sich lieben darf und wer nicht.
So erschuf die Kirche Opfer: Opfer all der heiligen Kriege. Ebenso all die Männer und Frauen, die sich ihr Leben lang schämen mussten und glaubten für ihre Natürlichkeit in Sünde zu leben und sterben zu müssen.
Und all die Frauen, die der Kirche zu folge die Erbsünde in sich trugen und denen nie verziehen wurde. Das schwache Geschlecht, das lüsterne Weib, die Hexe. Frauen sind gefährlich. Man(n) verzeihe und traue ihnen nicht.
Doch in all ihrer Schönheit und Grausamkeit war die Kirche nur ein Werkzeug und stand im Schatten jener Macht, die für das Unheil der Menschen und der Welt verantwortlich war.
Denn damit jeder Kunst, Tanz, Konsum und Gesang genießen konnte, damit man leidenschaftlich Sünden begehen und sie im Haus Gottes wieder bereuen und um Vergebung beten durfte, mussten unzählige Menschen und ganze Länder dafür arbeiten, ausgebeutet werden und sterben. Venedig war ein Imperium. Sie war die Perle des Mittelmeeres, grausam ruhend in einer Muschel voll Blut.