Wir leben in einer Welt der Minderheiten. Sie haben schon immer existiert. Nur ihre Rechte und deren Anerkennung waren nicht immer da. Auch heute ist es nicht selbstverständlich, dass alle Menschenrechte in Österreich, in Europa oder im Rest der Welt gewährleistet sind.
Seit Anbeginn unterschiedlicher Zivilisationen haben Menschen manchmal mehr und manchmal weniger Rechte gehabt. Es war niemals ein linearer Weg oder Kampf um mehr Rechte für Frauen, AfroamerikanerInnen, oder Schwule und Lesben. Es waren immer Wellen, die aufstiegen, brachen, überschwappten und sich wieder ins Meer der Möglichkeiten zurückzogen.
Man könnte wohl annehmen, dass heute mehr Menschenrechte existieren als zu jeder anderen Zeit. Doch in bestimmten Kulturen auf unterschiedlichen Kontinenten in früheren Zeiten gab es oftmals mehr Sichtbarkeit für nicht-binäre Menschen oder die gleichgeschlechtliche Liebe. Doch weil wir nun mal behaupten, dass der Westen am progressivsten ist, am modernsten, denken wir oft, dass wir viele Rechte besitzen. Doch es gab schon immer Gesellschaften, die weit aus offener waren, als wir es heute sind.
Und in einer Zeit, in der wir vermehrt für viele Rechte wieder einstehen und kämpfen müssen, ist es vielleicht eine gute Idee für einen Moment innezuhalten und in die Vergangenheit zu blicken. Denn dort finden wir oft Schätze der Weisheit, die wir längst vergessen haben oder unsere heteronormative Gesellschaft sich entschlossen hat zu ignorieren.
Eine davon ist die Gesellschaft der amerikanischen UreinwohnerInnen. Der Westen hat ihnen den einfachen und sehr falschen Namen Indianer gegeben. Denn als Christopher Columbus glaubte, den Seeweg nach Indien gefunden zu haben, gab er der nativen Bevölkerung den Namen Indianer.
Er und die anderen EuropäerInnen, die damals begannen, den neuen Kontinent für sich zu erobern, ignorierten die Tatsache, dass es nicht nur ein Volk der UreinwohnerInnen gab, sondern viele unterschiedliche. Es gab die Karuk, die im heutigen Oregon und Kalifornien zu Hause waren oder die Diné, die im heutigen Arizona, Utah und New Mexico lebten. Die wohl bekannteren Stämme sind die Sioux in den Prärien Nordamerikas, die Apachen im Südwesten oder die Cherokee im Osten und Süden.
All diese Völker unterschieden sich. Und diejenigen, die die Kolonialisierung überlebt haben, unterscheiden sich bis heute in Sprache, Aussehen, Kleidung, Rituale, Gesellschafts- und Familienformen, sowie auch Rechten.
Einer der größten Diskurse im 21. Jahrhundert zu einer bestimmten Identitätsform, das Nichtbinärsein, also die Tatsache und Erkenntnis, dass sich ein Mensch weder als Frau oder Mann identifiziert, sondern darüber hinaus, außerhalb dieser binären Kategorien, wird kontrovers diskutiert. Rechte PolitikerInnen auf der ganzen Welt machen sich oft darüber lustig, dass nicht-binäre Menschen die Pronomen they/ them verwenden, also sie/ ihr. Und in den schlimmsten Fällen erkennen sie ihre Existenz einfach nicht an.
Im Westen, einer absolut binären Gesellschaft, in der wir Weiblichkeit und Männlichkeit stark unterscheiden und definieren, können sich viele Menschen anscheinend nicht vorstellen, dass es eben auch etwas darüber hinausgibt. Bei vielen Stämmen der indigenen Bevölkerung Amerikas waren und sind nicht-binäre Menschen traditionell weit verbreitet und haben über Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Jahren existiert, weil sie Teil ihrer Gesellschaft und Geschichte waren.
Der moderne Begriff lautet Two-Spirit, also zwei Geister. In dem Sinne hat man zwei Geister in sich. Beim Volk der Diné gibt es das Konzept der nádleeh, ein drittes oder, einfach gesagt, flexibles Geschlecht. Und bei den Lakota gibt es den Begriff winkte.
Nádleeh kommen zwar mit einem biologischen Geschlecht auf die Welt, doch im Laufe ihres Lebens erkennen sie, dass sie anders sind, einfach nicht spezifisch männlich oder weiblich, sondern ganz einfach nádleeh. Ein nádleeh zu sein, bedeutete auch ein hohes Ansehen in der Gesellschaft innezuhaben. Oft war man HeilerIn oder VermittlerIn, da man zwischen oder eben über den Geschlechtern stand und dadurch beide besser verstehen konnte.
Diese Identitäts- und Geschlechterform in den Gesellschaften der amerikanischen UreinwohnerInnen ist aber leider durch den Kolonialismus und den Genozid, den die EuropäerInnen und amerikanischen SiedlerInnen zu verantworten haben, in Vergessenheit geraten. Dennoch ist es erstaunlich, aber vielleicht nicht überraschend, dass sich heute, unabhängig davon, in unserer Gesellschaft sich ähnliche Formen dieser Identitäten entwickeln. Offensichtlich ist nádleeh zu sein oder nicht-binär zu sein nicht kulturell gebunden, sondern einfach Teil des Menschseins.
Viel weiter zurück in die Zeit: ca 350 v. Chr.
Ein Mann, nicht größer als 165 cm, erobert die Welt. Oder die Welt so wie man sie damals kannte. Von Mazedonien aus nach Griechenland, danach die Donau entlang, sollte sie die nördlichste Grenze werden. Er besiegte das Perserreich, eroberte die heutige Türkei, Syrien, den Libanon, Israel und Palestina. Dann ging es weiter nach Ägypten, gründete dort eine Stadt und Bibliothek in seinem Namen, bis er erneut das Perserreich besiegte, und den heutigen Irak und den Iran eroberte.
Es ging sogar noch weiter bis nach Indien, aber es war vor allem der östliche Raum im Mittelmeer, der nun ihm gehörte. Oder besser gesagt: ihm und seinem engsten Vertrauten, seinem Partner, dem er all seine Geheimnisse anvertraute, und mit dem er auch in einem Zelt schlief.
Der Name dieses Eroberers ist natürlich Alexander der Große. Der Name seines engsten Vertrauten ist Hephaistion. Wäre Hephaistion nun eine Frau und ihr Name wäre Hephaistia würden HistorikerInnen und GelehrtInnen, ohne zu zögern davon ausgehen, dass sie ein Paar waren. Für lange Zeit galt Hephaistion unter westlichen HistorikerInnen einfach als engster Verbündeter Alexanders. Denn der größte Eroberer der Antike kann jawohl nicht mit einem anderen Mann zusammen gewesen sein.
Und das war er auch nicht ausschließlich. Denn Alexander der Große hatte drei Ehefrauen: Roxana, mit der er seinen Erben Alexander IV zeugte, Stateira II und Parysatis II. Ein Eroberer, ein König wie Alexander, braucht nun mal Erben, um sein Großreich weiterzuführen. Das ist klar. Aber die Geschichte geht noch weiter.
Im Jahr 324 v. Chr. stirbt Hephaistion an einem Fieber. Alexander ist am Boden zerstört. Tagelang isst er nichts. Er verbietet Musik im ganzen Reich und ordnet ein Begräbnis in Babylon an, das angeblich Millionen von Drachmen gekostet haben soll. Alexander der Große befiehlt außerdem, dass er, wenn er selbst eines Tages stirbt, an der Seite von Hephaistion bestattet wird. Wenn das nicht wahre Liebe ist. Denn seine drei Ehefrauen erwähnt er zu keinem Zeitpunkt.
Acht Monate später stirbt auch Alexander. In diesem Zeitraum trinkt er sehr viel um seine Trauer zu vergessen. Manche HistorikerInnen sagen, dass er aufgrund des hohen Alkoholkonsums an Pankreatitis verstarb, andere sagen, an Malaria oder einem Fieber. Und wieder andere meinen, dass er vergiftet wurde. Denn bevor HistorikerInnen zugeben, dass Alexander bisexuell war, behaupten sie lieber, dass eine seiner Ehefrauen oder sogar seine eigene Mutter ihn aus Machtgründen vergiftet habe. Denn im Zweifelsfall beschuldigt man lieber eine Frau.
Nein, die Antwort ist ganz einfach. Denn wenn Alexander der Große nach dem Tod seines geliebten Hephaistion kaum mehr aß und ständig trank, dann war es der Verlust seiner großen Liebe und sein gebrochenes Herz, die ihm ein frühes Ende bescherten.
Darüber hinaus war bekannt, dass Alexander der Große zusammen mit Hephaistion die großen Krieger der griechischen Mythologie nachamten: Achilles und sein Partner Patroklos.
Alexander war versessen darauf herauszufinden, was Achilles trug, wie seine Rüstung aussah und sogar, was für einen Haarschnitt er wohl hatte. Alexander wollte Achilles sein.
Schon damals war es schwer, diese Informationen herauszufinden, da die Ilias zu Alexanders Lebzeiten schon mehrere hundert Jahre alt war und es nicht sicher war, ob Achilles wirklich existiert hatte. Doch damals war es überall bekannt, dass Achilles und Patroklos ein Liebespaar waren, so wie es auch Alexander und Hephaistion waren. Mehr als Tausend Jahre unserer heteronormativen Gesellschaft haben beide in die Kategorie der besten Freunde verbannt.
Und obwohl Alexander Achilles in vielen Dingen nachahmen wollte, was ihm mit Aussehen und Ruhm auch gelang, wollte er wohl nicht sein Schicksal teilen. Denn wie Alexander verlor auch Achilles seinen geliebten Patroklos. Achilles hielt Begräbnisspiele für Patroklos ab, so wie man sie nur für einen König abhalten würde. Und Achilles rächte den Tod von Patroklos. Er tötete fast alle Krieger Trojas, sowie deren größten Krieger Hektor, bis er schließlich selbst mit Patroklos im Tod vereint wurde.
Alexander blieb dieses Schicksal verwehrt. Doch es ist klar zu sehen, dass Patroklos für Achilles so viel mehr war als ein bester Freund und für Alexander und Hephaistion gilt das Gleiche.
Nach Alexanders Tod zerfällt sein Großreich. Seine Generäle beginnen, sich gegenseitig zu bekämpfen und das Reich aufzuteilen. Doch das ist eine andere Geschichte.
Alexanders letzter Wunsch wird ihm nicht erfüllt. Er wird nicht in Babylon neben seinem geliebten Hephaistion bestattet. Sein Grab, das verschollene Mausoleum, welches bis heute nicht gefunden wurde, soll sich irgendwo unter Alexandria befinden.
Und bevor HistorikerInnen zugeben, dass Alexander der Große bisexuell war, unterstützen sie eher die Theorie, dass Alexanders Gebeine im 9. Jahrhundert nach Venedig verschleppt wurden und dort irgendwo begraben wurden.
Aber das Schöne und das Traurige an der Antike ist, dass so viel Wissen über die Jahrtausende verloren gegangen ist. Erst jetzt im 21. Jahrhundert erlauben sich junge HistorikerInnen und LiteratInnen auszusprechen, dass die Antike sehr viel queerer war, als man früher zugegeben hat.
Vielleicht liegt Alexander der Große irgendwo unter Alexandria begraben. Aber es ist auch wahrscheinlich, dass seine Generäle seinen letzten Befehl befolgt haben. Denn Hephaistions Grab war in Babylon. Und Alexander der Große starb in Babylon. Vielleicht hat man Alexander neben Hephaistion bestattet. Zwar gab es einen Bestattungsfestzug nach Alexandria, aber woher wollen wir wissen, dass Alexanders Leichnam mit dabei war. Denn schließlich unterstützen wir auch die Theorie, dass Alexanders Gebeine im 9. Jahrhundert nach Christus nach Venedig verschleppt wurden und dort verschwunden sind.
Es ist ein schöner Gedanke, daran festzuhalten, dass Hephaistion und Alexander zusammen begraben liegen. Alexander, der größte Feldherr der Antike, dessen Großreich sich über drei Kontinente erstreckte, liebte einen Mann. Die Leere die Hephaistions Tod hinterlassen hat, konnte kein Großreich und Reichtum füllen. Und so wie Achilles folgte Alexander seinen Geliebten in den Tod.
Noch weiter zurück in die Zeit: Dieses Mal 2250 v. Chr. Also ca. 4270 Jahre vor unserer Zeit. Die Pyramiden von Gizeh stehen erst seit ca. 200 Jahren. Es würde noch 1500 Jahre dauern, bis das antike Griechenland, der Hellenismus, seine Hochblüte erreicht. Und erst in ca. 2000 Jahren sollte das Römische Reich den gesamten Mittelmeerraum kontrollieren. Das Christentum würde erst in fast 3000 Jahren Europa dominieren.
Vor fast 4300 Jahren wurde in Mesopotamien die erste uns bekannte Schriftstellerin der Menschheitsgeschichte geboren. Sie war die Tochter des Reichsgründers Sargon I. von Akkad, dem bedeutendsten König im Land, zwischen den beiden Strömen Euphrat und Tigris.
Nachdem der König gestorben ist, ringen mehrere Stadtstaaten um die Vorherrschaft. Seine Tochter, Enheduana, ist zu diesem Zeitpunkt Hohepriesterin im Tempel des Mondgottes und hält somit eine der wichtigsten Positionen im Königreich inne. Sie ist aber nicht nur Priesterin, sondern auch Gelehrte und Dichterin. Ihr Text ist das erste Werk der Literatur, das bis in die Gegenwart überdauert hat. In ihrem Gedicht bittet sie Inanna, Göttin der Liebe und des Krieges, darum ihre Feinde zu bezwingen und wieder Frieden ins Land zu bringen.
Das allein macht es schon zu etwas ganz Besonderem, aber vor allem ist es die Tatsache, dass dieses erste Gedicht der Menschheitsgeschichte von einer Frau verfasst wurde. Denn in den über 4000 Jahren der Menschheitsgeschichte sind Frauen ganz klar eine Minderheit, die wie viele andere um ihre Rechte kämpfen müssen.
In unserer westlichen Gesellschaft muss man nicht weit zurückblicken, um das zu erkennen. Jane Austen, die vor nur 200 Jahren lebte, musste ihre Romane anonym und mit der Hilfe ihrer Brüder veröffentlichen. Heute gilt sie als eine der meistgelesenen und berühmtesten Schriftstellerinnen aller Zeiten.
Und obwohl Enheduana ein hohes Amt innehatte, schützte sie das nicht vor den machtgierigen Männern in ihrem Königreich und in anderen Stadtstaaten, die ihren Einfluss und ihre Stellung als Tochter des ehemaligen Königs als gefährlich ansahen. Enheduana musste schlussendlich vor ihren Feinden fliehen. Doch es war genau diese Flucht, die Enheduana dazu veranlasste ein Gedicht zu schreiben, das die Zeit überdauern sollte und auf über hundert Tontafeln lückenlos überliefert ist.
Die Welt kennt viele bekannte männliche Schriftsteller und Dichter. Doch die allererste namentlich bekannte war Enheduana, eine vertriebene Frau. Und so ruft man sich das Wissen und die Weisheit der Vergangenheit für die Gegenwart in Erinnerung.
Wie wir Menschen Kultur, Gesellschaft, Geschichte und Menschenrechte sehen und anerkennen, verändert sich ständig. Die ursprüngliche Gesellschaft der amerikanischen UreinwohnerInnen von früher ist leider ausgelöscht worden. Doch einige Gemeinschaften bestehen noch immer und sie führen die Two-Spirit Identität weiter.
Die offenen und homoerotischen Aspekte der antiken Gesellschaft waren GelehrtInnen im Westen schon lange bekannt und jetzt im 21. Jahrhundert werden diese endlich wieder anerkannt. Alexander der Große und der Krieger Achilles sind bekannt für ihre Eroberungen und Heldentaten. Und sie liebten ihre Männer.
Und in den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte haben es Frauen immer am schwersten gehabt, eine Ausbildung zu erhalten, sich Wissen anzueignen und über sich selbst zu bestimmen. Doch der älteste namentliche Text der Literatur stammt von einer Frau, die eine Göttin um Hilfe bittet, ihre Feinde zu besiegen. Und dieser Text hat bis heute, jeden Krieg, jeden Gesellschaftsumbruch und jegliche Veränderung der Kulturen über 4000 Jahre überdauert und wurde von Menschen der Gegenwart wiedergefunden.
Jede Kultur und jede Gesellschaft haben sich früher oder später so stark verändert, dass sie eine andere geworden ist, oder sogar aufgehört zu existieren. Jede Form von Homophobie, Sexismus, Rassismus oder Transphobie hat irgendwann aufgehört zu existieren, weil diese Denkweisen von Gesellschaften bestimmt und definiert werden. Sie sind endlich.
Aber Diversität und die Tatsache, dass Minderheiten schon immer existiert haben, ist unendlich. Die Tatsache, dass sie nie aufhören zu existieren liegt daran, dass sie Teil der Menschlichkeit, Teil des Menschseins, sind. Homophobie, Rassismus, Sexismus oder Transphobie sind es nicht.
Und somit möchte ich mit den ältesten übersetzten Zeilen der Menschheitsgeschichte abschließen, verfasst von einer vertriebenen Frau, die ihre Kriegs- und Liebesgöttin anflehte, wieder Frieden in ihr Land zu bringen. Ein Text, ein Wunsch, der heute genauso aktuell ist wie er es vor über viertausend Jahren war:
Nachdem er triumphierend dagestanden war, hat er mich aus dem Tempel vertrieben. Wie eine Schwalbe vom Fenster ließ er mich fliegen, hat mich zum Dorngestrüpp des Feindlandes verschleppt. Die Krone des Hohepriestertums konnte er mir entreißen… Muss ich sterben, weil ich mein Schicksal bestimmendes Lied angestimmt habe? … Herrin über die göttlichen Mächte, die unzähligen, Licht, das strahlend aufgegangen ist, Frau voll gewaltiger Taten, in gleißendem Schreckensglanz… Ein Gebet will ich nun zu dir sprechen. Enheduana bin ich!