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Wie Persephone jedes Jahr ihre sommerlichen Gefilde verlassen muss um an der Seite ihres Mannes, Hades, in der Unterwelt zu regieren, so verlässt auch Heidi Klum jedes Jahr im Herbst den Götterberg Olymp, auch bekannt als Los Angeles. Denn sie wird von Hades, hier zu Lande bekannt als ProSieben, zurück in die Unterwelt gerufen. Es ist ein alter, aber mächtiger Vertrag, der bereits seit 16 Jahren Bestand hat. Er lautet immer gleich: Nur eine kann Germany’s next Topmodel werden und nur Heidi kann und muss sie in den heißen Flammen der Unterwelt herausbraten. Doch anders als Persephone, die in der Unterwelt wie ein Vogel im goldenen Käfig in Selbstmitleid vergeht, so blüht Heidi, Königin der Unterwelt, erst richtig auf! Furien, längst vergessene Modedesigner, Monster des Tartaros, grabschende Photographen, zerstückelte Titanen, schwule, verachtende Choreographen und Cerberus, alle antworten den Ruf ihrer Königin, Kerker- und Foltermeisterin, die Heilige Dreifaltigkeit in einer Person. Sie schart ihre Dämonen um sich, um das schönste Mädchen Deutschlands zu finden.

Doch wer ist das schönste deutsche Mädchen? Diese Frage muss sich die Königin der Unterwelt jedes Jahr aufs Neue stellen, so wie sich jeder Held dem Orakel von Delphi stellen muss, und nur darauf hoffen kann, dass die Moiren dem Helden schöne und lange Schicksalsfäden weben. Doch Heidi wäre nicht Heidi, allmächtige Göttin, unsterblich, wenn sie nicht auch die Schicksalsfäden der Kandidatinnen in den Händen hielte und ganz allein entscheiden dürfte, wer dem Höllenfeuer der Unterwelt entrinnt.

Es ist die 16. Staffel der Casting Show und schon seit einigen Jahren darf Heidi, ohne weitere Jurymitglieder, ganz allein über die Schicksale junger Mädchen walten. Manchmal eilt ihr ein Teufelchen zu Hilfe, doch dazu später mehr.

Die erste Folge beginnt, wie jedes große Epos, mit der Ankunft der Königin der Unterwelt. Wir sterblichen Zuschauer werden von weißem Licht geblendet, denn Heidi ist komplett und perfekt ausgeleuchtet. Keine Falte, kein Makel ist zu sehen, aber warum auch, sie ist die Unsterbliche Deutschlands. Anders als Angela Merkel weiß sie, wie man absolute Macht ausübt und von allen zugleich geliebt und gehasst wird. Und mit einem Bekanntheitsgrad von über 98 Prozent in Deutschland (angeblich bekannter als Jesus Christus) muss man sich auch vor ihr verneigen, denn niemand weiß sich so perfekt und so langweilig, so schön und so vorhersehbar, so künstlich und so oberflächlich in Szene zu setzen wie sie.

Doch auch die Unsterbliche konnte den Schatten einer neuen Gottheit, die wir seit März letzten Jahres anbeten, nicht entrinnen: Das Coronavirus! Ein neuer Gott, ja ein Titan, dem wir uns alle beugen müssen, ein Ungeheuer entfesselt aus Pfeil und Bogen des Apolls, um uns Sterbliche heimzusuchen! Doch Heidi lässt das kalt. Sie ist unsterblich. Welttourneen von größeren Gottheiten wie Lady Gaga, die Olympischen Spiele, nationale Aufmärsche, wie die jährliche Geburtstagsfeier Queen Elizabeth II, wurden alle abgesagt oder verschoben. Aber Germany’s next Topmodel by Heidi Klum findet statt!

Aber eben ein bisschen anders als sonst um unseren neuen Coronagott zu huldigen. Dieses Mal wurden die Mädchen in einer Lagerhalle (einem verstaubten Theater) eingesperrt. Davor wurde natürlich ein kurzes Gebet und Ritual für Corona ausgesprochen und vollzogen in der Form eines Tests. Alle Anwärterinnen sind negativ. Das ist schön, und so gleich beginnt die wahre Folter! Denn nichts ist bitterer als jemanden eine süße Zukunft zu versprechen, die sich nie entfalten wird.

Wie jedes Jahr verspricht Persephone und Hades den jungen Mädchen eine glamouröse Welt, das Reich der Topmodels. Internationale Runways, Modeljobs, Instafame, Roter Teppich, Sonne und Strand in Los Angeles. Doch falsch gedacht. Denn wie schon erwähnt, betet man neben Heidi dieses Jahr noch einen anderen Gott an, deswegen findet all dies in einer Art Fashion- Lockdown statt. Alles wird gefilmt, aber eben in einem düsteren Theater dessen schönste Tage längst Geschichte sind. Und die Mädchen können nur den schönen Beschreibungen Heidis lauschen und wenn sie ganz fest die Augen schließen, sie von der Muse geküsst, oder von Morpheus in den Schlaf verszaubert werden, können sie sich all jene Versprechen auch vorstellen.

Denn Fakt ist, mit oder ohne Corona, Germany’s next Topmodel hat noch kein deutsches Mädchen in eine Naomi Campbell, Candice Swanepoel oder Bella Hadid verwandelt. Anstelle dessen bekommen sie einen Vertrag mit Hades. Für mehrere Jahre müssen sie tun und lassen, was ihr neuer Gott ihnen vorschreibt. Ohne Corona hätten die Mädchen wenigstens einen drei Monate All- inclusive LA Urlaub, doch wie schon erwähnt, mit Corona gibt es dieses Jahr Lagerhalle und Studio in Berlin. Zwei Mal am Tag wird gelüftet. Für die Mädchen trotzdem aufregend, denn sowas haben sie auch noch nie gesehen. Also freuen wir uns für sie, weil sie sind (noch) so glücklich.

Doch wer sind diese Mädchen, diese angeblich schönsten Frauen Deutschlands. Nun, ein bisschen hat sich was verändert, denn das Thema dieser Staffel (ja jedes Jahr gibt es wie bei Eurovision ein Thema) ist Diversity! Wer kein Englisch kann, und das können die meisten Topmodelkandidatinnen nicht, Diversity übersetzt heißt so viel wie Vielfalt, Diversität oder auch Verschiedenheit. Dies muss allerdings noch einmal in der Fashionwelt übersetzt werden. Denn wenn du ein Diversity Model sein willst, dann musst du eine ganz traurige Hintergrundgeschichte haben, sprich, die griechische Tragödie muss man schon erlebt haben. Dennoch muss man ‚schön genug sein‘ um nicht das reguläre Massenpublikum von ProSieben zu verschrecken.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, was ist eine griechische Tragödie im 21. Jahrhundert. Denn ich hoffe, sie glauben jetzt nicht, dass eine Kandidatin ihre ganze Familie im Wahnsinn geschlachtet hat wie Heracles oder ihren Vater ermordet und mit ihrer Mutter geschlafen hat. Nein, so ist das heute alles nicht mehr, heute ist alles schlimmer. Diversity bedeutet ein Plus-Size Model zu sein, beziehungsweise, glücklich darüber zu sein ein gesundes Körpergewicht zu haben. Natürlich stellt sich hier gleich die Frage, wie kann man es wagen mit seinem Körpergewicht überhaupt glücklich zu sein? Diversity bedeutet eine Durchschnittsgröße zu haben, 165 oder ein bisschen kleiner zu sein, und solange die junge Frau schön ist, ist das in Ordnung. Wenn sie klein und nicht hübsch ist, ja dann schubst man sie am besten ins Meer der Monster und hofft darauf, dass sie von Scylla und Charybdis verschlungen wird. Diversity bedeutet eine fleischfressende Krankheit zu haben und auf die Narben stolz zu sein, sie nicht verstecken, sondern den vernarbten Körper in Unterwäsche authentisch und schön zu präsentieren. Allerdings die Narben nicht zu oft zeigen, nur manchmal, damit es Hades und Persephone nicht zu sehr graust. Diversity bedeutet Transgender zu sein, sprich, ein moderner Hermaphrodit, denn da kann man ja nur ein bunter Vogel sein, vielfältig eben. Man kann ja schließlich nicht Transgender sein und ein ganz normales Leben führen wollen. Wem würde den sowas einfallen?  Diversity bedeutet ein Flüchtling aus Syrien zu sein und es geschafft zu haben jeder Bombe auszuweichen, jede europäische Grenze überwunden zu haben und keine Kriegsnarben im Gesicht vorzuweisen. Unberührt, unschuldig inmitten des Krieges überlebt zu haben. Verbrechen an der Menschlichkeit gesehen zu haben, aber nichts erinnert daran. Das ist perfekt für das westliche Fernsehen, denn wer will denn schon zerstörte Körper, Leichen Trojas sehen, wenn man die Überlebende einer Flüchtlings-Odyssey im ProSieben Scheinwerferlicht erstrahlen sehen kann. Diversity bedeutet blond und blaue Augen haben, sehr deutsch also, deutsch zu sein ist aber nur noch erlaubt, wenn du von Geburt an hörgeschädigt bist. Diversity bedeutet eine andere Hautfarbe als weiß zu haben, denn, so wie ein gesundes Gewicht, wurde eine andere Hautfarbe als weiß in der Fashionwelt bisher als Behinderung angesehen und nun haben wir aber das schöne Wort Diversity. Aurora erscheint am Horizont. Ein neuer Tag bricht an. Anders sein und eine andere Hautfarbe haben ist fürs erste ‚trendy‘ in Fashion.

„Mit all diesen Nachteilen„ wie Persephone komplett ausgeleuchtet erklärt und nur ihre Nasenlöcher zu erkennen sind, „hoffe ich, dass sich diese Mädchen besonders anstrengen werden und mich davon überzeugen können, dass sie Germany’s next Topmodel werden wollen.„

Denn recht hat sie! Denkt sich jetzt der durschnitts ProSieben Zuschauer. Wenn du Schlimmes erlebt hast, musst du dich noch einmal extra anstrengen! Wenn du nicht von Anfang an reingepasst hast, in unsere perfekte Gesellschaft, dann hast du dich halt anzustrengen!

Somit müssen die Mädchen schön und stark sein. Aber nicht zu stark, denn man will den Kunden ja nicht verschrecken! Die Aufgabe, die ihnen zu Teil wird, bedeutet einen Balanceakt ausüben. Sei sehr schön, so wie du bist, aber wie alle anderen. Sei stark, aber zeige nicht zu viel Charakter. Man muss eben eine Balance halten, wie wenn man sein eigenes Körpergewicht auf 14 cm High Heels ausbalanciert und dabei ganz natürlich sexy in die Kamera schauen. Schon diese erste Aufgabe wird vielen der jungen Heldinnen zum Verhängnis.

Nach über einer Stunde der ersten Folge beschwört Persephone ihren ersten Höllenhund herauf, um ein bisschen Glitz und Glam, beziehungsweise Höllenfeuer zu versprühen. Es ist der Modedesigner Mugler, dessen Glanzzeit schon längst vergangen ist. Man erinnere sich an seine großen extravaganten Fashion Shows der 90er und an Beyoncé’s Album von 2008. In fast allen Musikvideos erscheint sie in seinen wahrlich fantastisch-futuristischen Kostümen. Man verneige sich vor seinen Designs, denn die waren wirklich toll! Doch die 90er und die 2000er sind schon lange vorbei und jetzt ist Mugler in der Unterwelt angekommen.

Von, Me too hat Heidi und Mugler noch nie etwas gehört. Wie auch, die Zeit der Unsterblichen in der Fashionunterwelt tickt anders.  Um sich ein besseres Bild von den Mädchen zu machen, möchte der 72 Jahre alte schlabbernde Höllenhund die Mädchen oben ohne, präferabel nackt auf und ab laufen sehen. Heidi schreit ermutigend: „Kommt schon! Wer will es am meisten! Wuhu! Das ist so im Modelbusiness!„

Und die hoffenden Hofdamen lassen sogleich ihre Hüllen vor ihrer Königin und den nun dürstenden Höllenhund fallen. Die meisten dieser Mädchen sind um die 19 Jahre alt. Aber das sind nun mal die Aufgaben der Unterwelt. Die Mädchen können froh sein, dass sie nicht dem Nemeischen Löwen gegenübertreten müssen. So viel traut sich ProSieben (leider) dann doch (noch) nicht. Aber es ist gut zu wissen, ja fast eine Erleichterung, dass hier auf ProSieben noch alte weiße Männer ohne Angst junge Mädchen begaffen dürfen. Früher war alles besser wird hier in der Unterwelt, unter den Modeleichen noch gelebt.

Und nach der Modenschau, bei der vielen Mädchen der göttliche Balanceakt von Schönheit und Stärke nicht gelungen ist, müssen einige von ihnen auch schon dran glauben. Das Verspechen von Persephone und Hades, die Schicksalsfäden, die die Unsterbliche in der Hand hält, werden sogleich durchgeschnitten. Auch eine der Diversity Kandidatinnen muss gehen. Es ist eine, die eigentlich zu klein auf die Welt gekommen ist, aber durch die Gnade Heidis wurden auch ihr die Türen zur Unterwelt geöffnet, allerdings auch gleich wieder verschlossen. Denn die Lebensfäden unserer Helden sind meistens kurz gesponnen. Achilles und Patroklos können ein trauriges Lied davon singen. Das Urteil der Götter war immer schon streng, Heidis Urteil ist strenger. Sie hat ihre Entscheidung getroffen und sie verkündet sie in ihrer bekannten Pieps-Stimme, die im Vergleich, die hasserfüllten Schreie der Furien gar freundlich erscheinen lassen: „Deine Größe hat dann doch nicht ganz überzeugt.„

Es ist wirklich wie eine griechische Tragödie. Man sagte ihr von Geburt an: „Du bist zu klein, um Model zu werden!„ Doch Persephone sagt dieses Jahr voll Hoffnung: „Nein, nein, jede Größe ist erlaubt!„ Aber sogleich, nach dem ersten Test der Göttin, teilt das junge Mädchen das Schicksal Achilles. Ihre Achillessehne, ihre Größe, ihre, noch vor kurzem gepriesene Diversity bringt sie zum Fall.

Mit einer Träne verabschiedet sich das junge Mädchen von den anderen Kriegerinnen. Sie wirkt fast erleichtert, dass es vorbei ist. Denn vielleicht dämmert es ihr schon, nichts ist süßer als der Todeskuss Persephones‘, wenn sie weiß das alle Hoffnung verloren und sie in die Welt der Sterblichen zurückkehren darf, wenn die Unsterbliche die zwölf magischen Worte spricht: „Es tut mir leid, ich habe heute leider kein Foto für dich!„

One comment on “Heidi Klum, Königin der Unterwelt (der erste Akt)

  1. Phanthomias sagt:

    Wow, ich bin ein echter Fan deiner Texte! 👌

    Gefällt 1 Person

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