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Just like with my first post about the Lesehotel (the reading and writing resort) the text is first in German, followed by the English version. If you want to find out more about the Lesehotel, here is the link to the website: https://www.lesehotel.at/

Der zweite Tag

Ich habe gut geschlafen. Ich wache auf und es ist still. Immer noch denke ich an die Stadt, an den Lärm, der mir so vertraut ist, aber hier ist er nicht, hier war er nie.

Ich öffne das Fenster, der Schnee glitzert schon in der Sonne. Es ist so ruhig, man kann den Schnee fast knistern hören, wie er mit den Bäumen dahinter, deren Äste leise im Wind schaukeln, eine Konversation führt. Irgendwo singt ein Vogel, ein zweiter antwortet. Es sind die Gespräche, die aus dem Wald kommen, Wörter, die man nur hört und nur verstehen kann, wenn man weit weg von allem menschlichen ist.

Kurz eine Erklärung, was ich hier eigentlich mache. Ich bin sozusagen ein Probedurchlauf, ein Author in Residence. Als unveröffentlichter Schriftsteller, aber frisch aus meinem Creative Writing Master heraus, hat Silke Seemann (die Hotelbesitzerin) mir die Möglichkeit gegeben für einen Monat hier die letzten Kapitel meines Young Adult Mermaid Fantasy Romans fertig zu schreiben. Im Gegenzug helfe ich im Hotel aus, unterhalte mich mit Gästen über Literatur, empfehle Bücher, suche für Gäste Bücher in den Regalen, und mache alles andere, was in einem Lesehotel ebenso anfällt. Es ist eine Art Work and Travel Experience.

Das Frühstück ist wunderbar. Mit Blick auf die Berge, die fast blendend weiß glänzen, kann man essen und lesen. Das erste Buch, welches ich mir ausgesucht habe, ist eines über weit entfernte Orte, Atlas der ungezähmten Welt (Brandstätter Verlag). Ein Buch über Orte der Extreme, Orte der Natur, die nicht vom Menschen verändert, gar kontrolliert werden. Es geht um Gegenden der Welt, in der die Natur Herrscherin ist, und es auch immer sein wird.

Wieder merke ich, wie sich meine Gedanken ordnen. Ohne Schwierigkeiten gelingt es mir mich zu konzentrieren, je mehr Wörter ich auf den vielen Seiten des Buches lese.

Dann beginne ich zu schreiben. Die Worte fallen von meinen Fingern, ohne dass ich groß nachdenken muss. Die Ruhe stärkt den denkenden Geist, wie ich es mir nie vorstellen konnte. Es ist ein Tag, an dem eigentlich nicht viel passiert und gleichzeitig vieles. Tausende Wörter kommen zu Papier. Ich schreibe ganz in meiner Welt, nichts stört, nichts lenkt ab. Mehrmals kann ich Pausen machen, in denen ich die Stille der Landschaft genieße. Ich verfolge die Linien der Berge, dort, wo sie sich mit dem Horizont treffen. Wie erstarrte Wellen aus Eis heben sie sich scharf von der restlichen Landschaft ab.

Wenn ich nicht schreibe, dann lese ich. Im Lesezimmer versinke ich im großen Lesepolster, in den man sich wie in einen runden Sessel setzen kann. Er ist weicher als eine Wolke. Meine Augen saugen tausende Wörter ein, während die Sonne über den Himmel wandert. Erneut falle ich in eine Welt, eine Geschichte zieht mich in ihren Bann.

Ich lese Clockwork Prince von Cassandra Clare (Margaret Key McElderry Books). Es ist eine epische, Young- adult Fantasy-Buchreihe, die von Halbengel handelt, die Dämonen zur Zeit des viktorianischen Londons bekämpfen. Die deutschen Ausgaben (Goldmann Verlag) kann man auch in den vielen Regalen des Lesehotels finden.

Ich realisiere erst, wie viel Zeit vergangen ist, als die Strahlen der Sonne meine Füße wärmen. Die Sonne ist gewandert, Schatten und Licht haben sich langsam bewegt, sind durch den hellen Raum geschritten. Ich lege das Buch zur Seite. Ich bemerke wie meine Gedanken erneut klar geordnet, fast wie ein unsichtbares Buch vor mir liegen. Es ist ganz einfach, ich schreibe noch ein bisschen weiter.

Am Abend gibt es mit dem großartigen Abendessen eine Weinverkostung. Es sind die Weine, die für das Lesehotel ausgewählt werden. Denn ein jedes Buch kann mit einem guten Wein begleitet werden.

Außerdem haben Weine und Geschichten eine lange und gemeinsame Vergangenheit. Vor tausenden von Jahren wurde Wein schon in Mesopotamien angebaut, die Wiege der Zivilisation. Mesopotamien war auch die Wiege des geschriebenen Wortes. Beides sind Erfindungen der Menschheit und haben sich erfolgreich bis in die Gegenwart durchgesetzt. Zwar schreiben wir nicht mehr auf Tontafeln und Weinsorten haben sich natürlich auch weiterentwickelt und verändert, doch sie haben beide einen gemeinsamen Ursprung. Heute Abend haben sie sich im Lesehotel wieder gefunden.

The second day

I slept well. When I wake up, it’s quiet. I still think of the city, of the noise that is so familiar to me, but it is not here, it never has been.

I open the window. The snow is already glistening in the sun. It’s so quiet you can almost hear the snow crackling, having a conversation with the trees, their branches swaying softly in the wind. Somewhere, a bird sings, and a second one answers. It is the dialogue of nature, words that you can only hear and understand when you are far away from everything.

Briefly, an explanation of what I am actually doing here. I’m a young writer, so to speak, an author in residence. As an unpublished writer, but fresh out of my Creative Writing Master, Silke Seemann (the hotel owner) has given me the opportunity to spend a month here, finishing the last chapters of my Young Adult Mermaid Fantasy novel. In return, I help out in the hotel, talk to guests about literature, recommend books, look for books for them in the vast collection of the Lesehotel, and help out with anything that needs to be done. It is a sort of Work and Travel Experience.

Breakfast is wonderful. With a view of the mountains, which shine almost blindingly white, I can eat and read. The first book I pick out for reading is one about faraway places, Atlas of the Untamed World (Brandstätter Verlag). A book about places of extremes, places of nature that are not changed, not in control, that cannot even be tamed by humans. It is about areas of the world where nature rules and always will be.

Once again, I notice how my thoughts come into order. Without difficulty, the more words I read on the many pages of the book, the more I manage to concentrate.

Then I begin to write. The words fall from my fingers without thinking much. The silence strengthens the thinking mind in a way I could never have imagined. It’s a day when not much is going on, and at the same time, a lot. Thousands of words come to paper. I write, completely lost in my world, nothing disturbs, nothing distracts. Several times, I can take breaks in which I enjoy the silence of the landscape. I follow the lines of the mountains where they meet the horizon. Like solidified waves of ice, they stand out sharply against the rest of the landscape.

When I am not writing, I am reading. In the reading room, I sink into the large reading cushion, which is like a circular armchair. It is softer than a cloud. My eyes soak up thousands of words as the sun moves across the sky. Once again, I fall into a world. A story captivates me.

I am reading Clockwork Prince by Cassandra Clare (Margaret Key McElderry Books). It’s an epic, young-adult fantasy book series about half-angels fighting demons in Victorian London. You can also find the German editions (Goldmann Verlag) on the many shelves of the Lesehotel.

I only realise how much time has passed when the rays of the sun warm my feet. The sun has moved on, the shadows and light have passed on. They have wandered through the bright room.

I put the book aside. I notice how my thoughts are once again clearly ordered, almost like an invisible book in front of me. It’s quite simple. I continue writing.

At dinner time, there is a wine tasting. It is the wines that will be chosen for the reading hotel because any book can be accompanied by a good wine.

Besides, wines and stories have a long history. They share a common past. Thousands of years ago, wine was already cultivated in Mesopotamia, the cradle of civilisation. Mesopotamia was also the cradle of the written word. Both are inventions of mankind and have successfully prevailed up to the present day. Admittedly, we no longer write on pieces of clay, and different kinds of wine have, of course, evolved and changed. But they both have a common origin, and tonight they have found each other again at the Lesehotel.

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